Buchtipp: Julie Phillips, „James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“

Ein Wirbelsturm im Glas

Als der Schrifsteller Robert Silverberg seinem Autorenfreund James Tiptree Jr. einen Brief auf dem Briefpapier seiner Frau schickt, antwortet dieser: „Ich habe mich vor dem Lesen rasiert und Rasierwasser aufgetragen.“ Intelligent, humorvoll, charmant – James Tiptree, talentierter Science-Fiction-Schriftsteller, scheint ein Mann von Welt zu sein, ein stilvoller Gentleman in den späten 1960er-Jahren. Nur – er ist kein Mann. Sondern ein Pseudonym. Ein schillerndes Alias, hinter dem sich die Autorin und Psychologin Alice B. Sheldon verbirgt. Wie das funktioniert? Das beschreibt Julie Phillips in ihrer spannenden Autobiographie über die vielen Leben der Alice B. Sheldon. Wir begleiten die faszinierende Autorin von ihrer Kindheit in Afrika über ihre schwierige Ehe bis zum erweiterten Selbstmord mit 71 Jahren. Es ist eine Geschichte über Geschlechterrollen, Sexualität und die erstickenden Konventionen der 1960er Jahre. Inmitten dieses misogynen Klimas schafft sich Alice B. Sheldon, die ihren Namen zeitlebens hasste, einen safe space – einen geschützten Raum – unter dem Namen eines Mannes. Nicht nur, um ihre akademische Karriere zu schützen, sondern auch, so erklärte die Amerikanerin, weil Tiptree Dinge sagen konnte, die sie nicht auszudrücken vermochte. „Schreiben ist meine einzige Verbindung zum Lebens“, notierte sie in einem ihrer unzähligen Briefe. Es endet dramatisch, unberechenbar – ein irritierend passendes Ende für ihr nicht minder ungewöhnliches Leben. Was bleibt? Große Klassiker der amerikanischen Science Fiction. Und die Frage: Was macht eine Identität aus? Manchmal der Name auf einem Marmeladenglas.

Julie Phillips, „James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“, Septime Verlag 2013, 783 S.

In der Bibliothek zu finden unter Wa She

Mira de Gouges