Buchtipps

Das andere ‘68

Es gibt nur wenige Jahreszahlen, die so irrlichternd durch das kollektive Weltgedächtnis wandern wie das Jahr 1968. Freie Liebe. Rock‘n Roll. Kommune 1. Das Märchen der Nachkriegsjugend von San Francisco bis Berlin, der Geruch von Revolution auf den Straßen. Ein Bild, voller Romantik – ein romantisiertes Trugbild? Diese und noch viele weitere Fragen wirft Gretchen Dutschke mit ihrem Buch „1968: Worauf wir stolz sein dürfen“ auf. Ihr selbstkritischer Blick auf die Studentenbewegung legt den glühenden Kern hinter dem Mythos frei: Machtkämpfe, Egoismen, Frauenfeindlichkeit. Denn sogar im revolutionären SDS gaben die Genossen wenig auf die Meinung der Genossinnen – eine Tatsache, die in etlichen anderen Publikation zum Thema gerne übersehen wird. Nicht so von der Witwe Rudi Dutschkes, die sich im Auge des 68er-Sturms befand, als er durch Deutschland tobte und die gesellschaftliche Landschaft für immer verändern sollte. Denn trotz aller berechtigter Kritik haben die 68er das Verständnis der Deutschen von Demokratie und Partizipation geprägt – wenngleich Gretchen Dutschke auch ihr grandioses Scheitern nicht verschweigt. Ein höchst unterhaltsames Buch, das auch andere Ausläufer wie die Frauenbewegung in den Fokus nimmt. Immerhin gehört die große zweite feministische Welle zu den wenigen Gruppierungen dieser Zeit, die einen tatsächlichen Wandel anstießen. Und darauf sollten wir allerdings stolz sein.

Gretchen Dutschke, 1968: Worauf wir stolz sein dürfen,
kursbuch.edition, 224 S., März 2018

In der hamburger frauenbibliothek zu finden unter: Ei 13

Mira de Gouges

 

Softwareupdate für Karl Marx

Sie ist laut. Stürmisch. Bricht unsere Denkmuster mit einem lauten Knirschen entzwei. Die Mrx Maschine, die Luise Meier in ihrem gleichnamigen Werk durch unseren Kopf jagt, ist nicht mehr aufzuhalten. Mit sprachlicher Finesse und unzähligen theoretischen Querverweisen von Walter Benjamin bis bell hooks poliert und ölt Meier das Marx‘sche Theorie-Bollwerk. In bunten Sprachbildern zeigt sie, dass in unserer quirligen Welt aus Selbstoptimierung und der Hochkultur des Individualismus immer noch der Kapitalismus die Trommel schlägt, zu der wir im Takt in die Tasten hauen. Aber nicht mehr nur die Lohnarbeit steht im Mittelpunkt, sondern auch die Verbindungen zu Feminismus, Sexismus und dem alltäglichen Leben, die Meier auf der Basis der Marx‘schen Theorie weiter flechtet. Das Proletariat ist mutiert, zersplittert: Die Berliner Autorin zeigt, wie das Ich Proletariat und herrschende Klasse zugleich sein kann, wenn mensch als höchsteigener Fitnesstrainer an der perfekten Strandfigur arbeitet. Wer sich schon einmal mit Marx‘ Theorien auseinandergesetzt hat, findet hier ein dringend notwendiges Update und ein sprachliches sowie intellektuelles Kunstwerk, was seinesgleichen sucht. Lassen wir uns zum 200. Geburtstag des großen Denkers von Luise Meier mit Unproduktivität anstecken.

Luise Meier, MRX Maschine, Reihe Fröhliche Wissenschaft Bd. 127, 208 Seiten, Matthes & Seitz Berlin 2018

In der Bibliothek zu finden unter Ba 61

Mira de Gouges

Ein Wirbelsturm im Glas

Als der Schrifsteller Robert Silverberg seinem Autorenfreund James Tiptree Jr. einen Brief auf dem Briefpapier seiner Frau schickt, antwortet dieser: „Ich habe mich vor dem Lesen rasiert und Rasierwasser aufgetragen.“ Intelligent, humorvoll, charmant – James Tiptree, talentierter Science-Fiction-Schriftsteller, scheint ein Mann von Welt zu sein, ein stilvoller Gentleman in den späten 1960er-Jahren. Nur – er ist kein Mann. Sondern ein Pseudonym. Ein schillerndes Alias, hinter dem sich die Autorin und Psychologin Alice B. Sheldon verbirgt. Wie das funktioniert? Das beschreibt Julie Phillips in ihrer spannenden Autobiographie über die vielen Leben der Alice B. Sheldon. Wir begleiten die faszinierende Autorin von ihrer Kindheit in Afrika über ihre schwierige Ehe bis zum erweiterten Selbstmord mit 71 Jahren. Es ist eine Geschichte über Geschlechterrollen, Sexualität und die erstickenden Konventionen der 1960er Jahre. Inmitten dieses misogynen Klimas schafft sich Alice B. Sheldon, die ihren Namen zeitlebens hasste, einen safe space – einen geschützten Raum – unter dem Namen eines Mannes. Nicht nur, um ihre akademische Karriere zu schützen, sondern auch, so erklärte die Amerikanerin, weil Tiptree Dinge sagen konnte, die sie nicht auszudrücken vermochte. „Schreiben ist meine einzige Verbindung zum Lebens“, notierte sie in einem ihrer unzähligen Briefe. Es endet dramatisch, unberechenbar – ein irritierend passendes Ende für ihr nicht minder ungewöhnliches Leben. Was bleibt? Große Klassiker der amerikanischen Science Fiction. Und die Frage: Was macht eine Identität aus? Manchmal der Name auf einem Marmeladenglas.

Julie Phillips, „James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“, Septime Verlag 2013, 783 S.

In der Bibliothek zu finden unter Wa She

Mira de Gouges

 

Zwischen den -ismen

Es ist die ganz große Frage, die Ursula K. Le Guin in ihrem Klassiker „Freie Geister“ stellt. Ist eine herrschaftsfreie Gesellschaft, ein kommunistisches Utopia frei von Besitz und Geld, möglich? Der Planet Anarres scheint diesen idealen Schwebezustand erreicht zu haben. Zumindest auf den ersten Blick. Hier steht die Gemeinschaft über dem Individuum, zu „egoisieren“ – etwas nur für sich zu beanspruchen – wird bestraft. Frauen und Männer sind absolut gleichgestellt, das Wort Besitz existiert im Sprachgebrauch der Anarreser*innen nicht. Der Planet ist der kommunistisch anmutende Bruder des Planeten Urras, misstrauisch beäugt von diesem hochkapitalisierten Moloch, der Anarres als erweiterte Bergbaukolonie nutzt. In dieses Szenario zwischen den Welten und den -ismen setzt Le Guin ihren Protagonisten Shevek, einen hochintelligenten Physiker und ein Kind des anarchistischen Systems, dessen Gründerin Odo fast gottgleich auf Anarres verehrt wird. Zwischen Arbeitsdienst und der Forschung an einer völlig neuen Theorie der Zeit, rennt Shevek vor Mauern – in seinem Denken und in seiner Arbeit. Erst der Austausch mit alten Freunden und der Besuch des Bruderplaneten Urras führen ihm vor Augen: Es gibt kein schwarz oder weiß, nur das nebulöse tiefe Grau, in dessen Zentrum ein machthungriger Maelstrom tobt.

Le Guins Werk lenkt den lesenden Blick in andere Welten, nur, um ihn umso eindrucksvoller in den eigenen Kopf zurückzuwerfen. Sie führt den Leser*innen mit einnehmender Sprache und einer fein gestrickten Parabel die eigenen idealistischen Konstrukte vor Augen: Zwei Gesellschaften, die eine kapitalistisch, immer in Angst vor der nächsten Revolution, die es mit der Erzeugung künstlicher Bedürfnisse zu betäuben gilt. Die andere frei von allen Zwängen, die Arbeit als inneres Bedürfnis begreift und nicht nur um den Weltraumhafen, die einzige Verbindung zu Anarres, eine Mauer schafft – und in der doch einige wenige die Geschicke eines Planeten lenken. Schon wenigen Seiten wird klar: Urras und Anarres sind nicht weit entfernt.

Ursula K. Le Guin, „Freie Geister“, Neuübersetzung, S. Fischer Verlag 2017, 14,99 Euro

In der Bibliothek zu finden unter Rd LeG

Mira de Gouges

Angela Steidele:  

Anne Lister Eine erotische Biographie

 

 

„Die Frauen mögen mich und haben mich immer gemocht und keine hat mich je abgewiesen.“

 

 

Anne Lister  (1791 – 1840) war eine englische Landadelige, die extensiv Tagebuch geschrieben hat: 24 dicke in Kalbsleder gebundene Bände, einige davon aber in  Geheimschrift. Nach ihrem Tod fiel das Erbe an ihren Neffen John Lister, dem es keine Ruhe  ließ, dass er die Geheimschrift nicht entziffern konnte. Zusammen  mit einem befreundeten  Archivar aber gelang es ihm endlich und ob des Inhalts erröteten die beiden Herren tief. Der Antiquar befand: Alles verbrennen! Zum Glück tat Lister das nicht. Aber er versteckte die Tagebücher, indem er ein Zimmer im Anwesen abtrennte, die Bücher darin unterbrachte und  das Zimmer mit einer Holzwand wieder verschloss, darauf vertrauend, dass spätere  Generationen sich wundern  und die Tagebücher entdecken würden. So war es dann auch.

In diesen geheimen Tagebüchern hatte Anne Lister ihre sämtlichen erotischen Affären mit anderen Frauen bis ins kleinste Detail  geschildert. Ihre zwei Lebensbeziehungen genauso akribisch wie ihre kleinen, unzähligen Liebeleien. Ihre erste Liebe hatte sie schon in ihrer Schulzeit und niemand nahm daran Anstoß, denn zwei Mädchen in einem Bett wurden eher als Garant für die Jungfernschaft gesehen und nur die war zu Zeiten Anne Listers im prüden präviktorianischen England von Interesse.

Anne ist zwar eine überaus talentierte und mit Charme ausgestattete Frauenverführerin, aber Treue ist für sie ein Fremdwort, lebt sie doch nach der Devise: „Nichts ist praktischer und geräumiger als mein Herz.“ Skrupellos lügt und betrügt sie und erweist sich dabei als taktisch außerordentlich geschickt, wenn sie mehrere Affären gleichzeitig laufen hat.

In aller Ausführlichkeit erfährt man in ihrem Tagebuch, wie sie sich Zentimeter für Zentimeter das Bein der zu Erobernden hocharbeitet und  von welcher Qualität  und wie oft ihre Orgasmen waren oder ihre Selbstbefriedigungen. Wenn man das über hunderte von Seiten liest, ist dieser weibliche Don Juan zwar nicht sonderlich sympathisch, aber eine überaus interessante Frau ist sie zweifellos, die sich zu ihrer Zeit  selbstbewusst Rechte herausgenommen hat, die nur Männern zustanden. Das Buch ist so ein einzigartiges Dokument lesbischer Sexualität und der Herausgeberin gilt Dank, dass sie sich durch Anne Listers ausufernde, Wichtiges vom Unwichtigen nicht unterscheidende Notizen durchgearbeitet und sie gewichtet und sortiert hat. Auf Dauer sind die sich wiederholenden Affären vielleicht auch etwas ermüdend und da ist es gut zu erfahren, dass Anne Lister neben ihren Verführungskünsten noch andere Talente und Interessen hatte: sie war eine begeisterte Reisende und so fit, dass sie als erste Touristin den Vignemale, den mit 3298 Metern dritthöchsten Berg in den Pyrenäen, erklomm. Fragt sich: Fit durch all ihre Liebschaften? (VP)

Angela  Steidele: Anne Lister. Eine erotische Biographie, Matthes & Seitz Berlin 2017, 327 Seiten, 28,–€

In der Bibliothek zu finden unter Wz Lis

Dinge, die vom Himmel fallen

AhavaSaaras Tante Annu ist in ein „Märchenschloss“ mit Geheimzimmer gezogen. Grund zur Freude für das Mädchen. Doch die Tante kann sich mit ihrem Lottogewinn nicht abfinden und verkriecht sich, kaum hat sie einen Gutshof erworben, in einen „Dornröschenschlaf“. Auch Saara widerfährt Undenkbares, das viel besser in ein Märchen passen würde als in das Leben einer Achtjährigen: Ein Eisklumpen stürzt vom Himmel und begräbt ihre Mutter unter sich. Saara stemmt sich in ihrer Trauer gegen das allmähliche Verblassen der Erinnerung: Sie beschließt, sich „sicherheitshalber“ jeden Tag an die Mutter zu erinnern, „bevor die Zeit zu viel heilt“. Weil sie weder auf ihren Vater Pekka zählen kann noch auf die Tante, ruft Saara ihr Idol Hercule Poirot um Hilfe an. Denn Hercule Poirot hätte „jeden Tod richtig erklärt“.

Es ist vor allem die magische Vorstellungswelt der kindlichen Ich-Erzählerin mit ihren Bildern und Figuren, in der das Unfassbare dessen, was der Familie zustößt, gespiegelt und greifbar wird. Aus der sprachlichen Schönheit dieser märchenhaften Miniaturen, die Selja Ahava in ihren Text verwebt wie Tante Annu Erinnerungsstücke in ihre Walkteppiche, bezieht der Roman seinen ganz speziellen Reiz. Dabei gelingt der finnischen Autorin ein Erzählton, der das Verarbeiten Saaras nicht etwa als naiv darstellt, sondern als eine eigenständige und sehr lebenskluge Art damit umzugehen, dass „Dinge passieren“. Am Ende ist Saara gewiss:

„Mal kommt der Weltuntergang,

mal bricht schlagartig das Paradies aus.“

Eine großartige Melange aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit, eine schmerzhafte und zugleich tröstliche Lektüre.

Buchtipp von: Anne Gemeinholzer

Selja Ahava: Dinge, die vom Himmel fallen. Roman

Mareverlag 2017, 205 S., 20 Euro

In der Bibliothek zu finden unter der Signatur: R Aha 1

 

Liebe Ijeawele… Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden

AdichieIIWen fragt man, wie Mädchen zu starken selbstbestimmten Frauen heranwachsen? Eine gute Freundin, vor allem, wenn sie eine bekannte Feministin ist. So geschah es der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie, als eine Freundin aus Kindertagen ein Mädchen zur Welt brachte. „Es erschien mir eine zu große Aufgabe“, bekennt Adichie, beschloss dann aber, Ijeawele einen „ehrlichen und praktischen Brief zu schreiben, der zugleich als eine Art Landkarte für mein eigenes feministisches Denken fungieren sollte“.

Um in Alltagssituationen zu entscheiden, wie eine feministische Reaktion jeweils aussehen könnte, gibt sie der Freundin zwei Prämissen an die Hand. Erstens die feste Überzeugung: „Ich bin gleich wichtig“. Und zweitens: „Kannst du X umkehren und erhältst trotzdem dasselbe Resultat?“ Würde man etwa sagen, eine Frau „gestatte“ es ihrem Mann, einem Politiker, im Rampenlicht zu stehen? Nach traditioneller Vorstellung steht sie „hinter“ ihm. Mit dieser Frage könnten zugleich Anhänger des „Feminismus Light“ überführt werden: jenem Gedanken, dass Männer von Natur aus überlegen seien, aber Frauen gut zu behandeln hätten.

Ein zentraler Vorschlag Adichies besteht darin, die Töchter zu lehren, Sprache zu hinterfragen, und als Mutter sich dabei der Abhängigkeiten zwischen Sprache, traditionellen Rollenvorstellungen und Erziehung bewusst zu sein. Weiter schlägt die Autorin vor, Mädchen in ihrer Individualität zu stärken, auf die – oft unbewusste – Konditionierung zu stets freundlichem angepasstem Verhalten zu verzichten und stattdessen Aufrichtigkeit und freie mutige Meinungsäußerungen zu verstärken. So könne Missbrauch, ungleichen Beziehungsdynamiken und Selbstaufopferung der Frauen entgegengewirkt werden.

„Ihre Aufgabe ist es nicht, sympathisch zu sein, ihre Aufgabe ist es, ganz und gar sie selbst zu sein, ein Selbst, das aufrichtig und sich der Gleichberechtigung anderer Menschen bewusst ist“, so Adichie.

Ein kluges, gut lesbares Buch mit teils ungewöhnlichen, nachdenklich stimmenden Ideen. Besonders zu empfehlen für Frauen, die in einem patriarchalisch geprägten Umfeld groß wurden und „Futter“ für eine feministische Sichtweise brauchen.

Buchtipp von: Anne Gemeinholzer

Chimamanda Ngozi Adichie: Liebe Ijeawele… Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden, Fischer 2017, 79 S., 8 Euro

In der Bibliothek zu finden unter der Signatur: Db 40